„Welcome to professional life“: Von der Verantwortung des Zuschauers

von Deike Wilhelm

Als sich der Vorhang in Villingen-Schwenningen für die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Junior Ballett München öffnet, liegen drei Wochen intensiven Probens hinter ihnen – ein fast zweistündiges Programm musste in dieser kurzen Zeit einstudiert werden. „Welcome to professional life“, kommentiert eine junge Tänzerin treffend den anspruchsvollen Start in ihre professionelle Laufbahn. Gerade drei Wochen kennen sich die Mitglieder des Ensembles überhaupt erst, als sie Ende September zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Jedes Jahr im Herbst wird das Bayerische Junior Ballett München neu geboren, denn nur acht Tänzer aus dem Vorjahr bleiben, die andere Hälfte ist neu im Ensemble. Sie kommen meist direkt von Ballett-Akademien, sind gerade fertig ausgebildete Tänzer. Manche haben zuvor die Ballett-Akademie in München besucht, andere leben nun das erste Mal in Deutschland oder überhaupt im Ausland. Alle tanzen erstmals in einer professionellen Company.

Mitglieder des Ensembles 2018/19 des Bayerischen Junior Balletts München ©Heinz-Bosl-Stiftung

Mitglieder des Ensembles 2018/19 des Bayerischen Junior Balletts München ©Heinz-Bosl-Stiftung

In Villingen-Schwenningen ist das Ensemble für drei Spielzeiten „Artist in Residence“. Hier ist die Company somit irgendwie auch zuhause und – laut Aussage des Kulturamtsleiters Andreas Dobmeier – verantwortlich dafür, dass sich die Stadt bewegt und tanzt. Die hilfsbereiten Mitarbeiter und das kompetente Bühnenpersonal lassen das Ensemble sofort willkommen fühlen – schon während der Proben. Für die Zuschauer in Villingen-Schwenningen ist diese Vorstellung eine ganz besondere: Es ist die Spielzeit-Eröffnung ihres gerade erst frisch renovierten Theaters. Groß ist das Staunen über den komplett renovierten Zuschauerraum: Nun bestimmen leuchtend rote Sitze – statt der alten blauen – den Saal. Voller Spannung warten die Zuschauer nun darauf, dass sich der Vorhang öffnet und heißen die jungen Tänzer mit einem stürmischen Applaus schon nach dem ersten Stück begeistert willkommen. Die Zuschauer sind da. Wach. Offen. Und fordernd.

Die jungen Tänzer sind zunächst erstaunt über diesen großen Applaus, dann euphorisch und wachsen auf einmal aus sich heraus: Schon im zweiten Stück werden die Bewegungen intensiver, zugleich leichter und natürlicher. Die Anspannung weicht einer Freude und Hingabe. Sie zeigen sich in ihrer Jugend und Frische, ihrer Schönheit und ihrer Liebe zum Tanz. Ihr Geschenk an das Publikum. Und es ist eine ansteckende Begeisterung: Hinter der Bühne bewundern die jungen Tänzer nun auch ihre eben tanzenden Kollegen. Sie freuen sich an den grazilen Bewegungen der einen Tänzerin, an der Natürlichkeit einer anderen. Sie entdecken den künstlerischen Ausdruck eines Pas de deux und lachen über die gekonnt humorvolle Darstellung eines neuen Kollegen. Und laufen dann selbst – befeuert durch das Publikum und die Intensität ihrer Kollegen – voller Freude und Energie auf die Bühne. Sind präsent. Tanzen für dieses herzliche Publikum.

Tanz fordert – genauso wie jede Kunstform – auch die Verantwortung des Zuschauers ein. Nicht nur für den Künstler auf der Bühne, sondern vor allem für die Kunst an sich. Für das Entstehen und Erleben von Kunst. Tanz fordert mehr als die reine Präsenz des Zuschauers: Er verlangt dessen aktive Aufmerksamkeit. Offenheit. Neugier. Empathie. Nicht nur im Kopf, sondern ein Öffnen aller Sinne. Und ein Öffnen des Herzens. Somit fordert Kunst eigentlich das Gegenteil dessen, was wir so oft in unserer Gesellschaft lernen und was wir auch – mit zunehmender Digitalisierung – im Alltag erleben. Und das ist ein Glück. Für den Zuschauer und für den Künstler gleichermaßen. Kunst – und damit ist hier das Erleben eines Moments gemeint, der den Menschen im Ganzen erfasst und erfüllt – entsteht erst im Prozess zwischen den Personen auf der Bühne und denen im Zuschauerraum. Kunst benötigt beide Seiten. Wie durch ein unsichtbares Band sind beide unlösbar im „magischen Raum des Theaters“ miteinander verbunden. Eine Verbundenheit, die manchmal vielleicht etwas in den Hintergrund rückt, jedoch immer existiert.

Die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Junior Balletts München werden diese Erfahrung von Villingen-Schwenningen von nun an in sich tragen. Dies bedeutet für sie einen ersten großen Schritt auf dem Weg zum professionellen Künstler und ist viel mehr, als man von einem ersten Gastspiel zu erhoffen darf. Schon bei ihrem zweiten Gastspiel ist nicht nur eine größere Leichtigkeit, sondern vor allem auch ein tieferer künstlerischer Ausdruck in jedem von ihnen zu beobachten. Das verheißt viel, denn dies ist erst der Beginn ihrer professionellen Karriere als Tänzer. „Welcome to professional life!“