Neueinstudierung von Inter-Mezzo

von Terence Kohler

Die Arbeit an Inter-Mezzo mit den Tänzern des Bayerischen Junior Balletts München löste in mir das Gefühl aus, nach Hause zu kommen. 2003, als Neunzehnjähriger, gerade in Deutschland angekommen, habe ich das Ballett für meine Kommilitonen an der Akademie des Tanzes in Mannheim kreiert.

In vielerlei Hinsicht noch völlig naiv, unbeschwert, beseelt von einer großen Leidenschaft für das Klassische Ballett, besessen von seiner Struktur und Symmetrie und erfüllt von jugendlichem Enthusiasmus, hatte ich den Mut, Gefühle und Impulse in meiner Choreografie frei zu adaptieren, Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen, mich selbst zu korrigieren. Es war eine prägende Zeit; das Stück hatte Erfolg und gab mir Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

TänzerInnen des Bayerischen Junior Balletts München ©Charles Tandy

TänzerInnen des Bayerischen Junior Balletts München ©Charles Tandy

Als ich jetzt mit der Einstudierung dieses Stücks zusammen mit den Tänzern des Bayerischen Junior Balletts München begann, kamen Zweifel in mir auf.  Einfach nur die einmal erdachten Schritte und Bewegungssequenzen mit anderen Tänzern quasi „wiederkäuen“? Nein, das konnte ich nicht, das wollte ich nicht, denn ich war nicht mehr der neunzehnjährige, kleine Junge. Das Leben und die Erfahrungen  mit Tänzern hatten mich über die Jahre Vieles gelehrt und meine Gedanken über den Tanz in neue Bahnen gelenkt.

Wo der Junge, der ich war, noch allein von der Form fasziniert war, interessiert mich jetzt die Entwirrung dieser Form nicht weniger. Die Beobachtung, wie Tanz, diese so flüchtige Kunstform, im Moment der Ausführung gleichzeitig lebt und stirbt, war ein neues Faszinosum. Das einmal geschaffene Stück mit anderen Tänzern eins zu eins neu einzustudieren, fühlte sich auf einmal an, als würde ich eine Sünde begehen. Wäre das nicht ein Verrat an dem angestrebten co-creativen Prozess mit den jungen Tänzern?

TänzerInnen des Bayerischen Junior Balletts München ©Charles Tandy

TänzerInnen des Bayerischen Junior Balletts München ©Charles Tandy

Jeder, der mich kennt, wird bestätigen können, dass mich eine Leidenschaft für das Klassische Ballett und seine Geschichte erfüllt. Sein Formenkanon ist für mich rituelle und zweite Natur in einem. Oder ganz einfach – ich liebe es! Aber was bedeutet das Klassische Ballett heute für unsere Gesellschaft? Nur eine Form von Eskapismus? Kann diese Tradition weiterhin relevant bleiben und uns heute berühren, wenn sie sich so eklatant irrelevant anfühlt? Ist eine Dosis Romantik das, was wir jetzt brauchen in einer Zeit, die Elitismus täglich in Frage stellt? Ist nicht vielleicht die Rückkehr zu klassischen Werten und unserer inneren Menschlichkeit die wahre Antithese zu einer von Gewinnstreben bestimmten kapitalistisch geprägten Gesellschaft?

Viele Fragen sind geblieben, auf die ich – wie vielleicht auch Sie – weiterhin nach Antworten suchen. Diese Zweifel ist tief in meinem Bewusstsein und damit auch in der Neueinstudierung von Inter-Mezzo verankert und nur zusammen, Künstler und Zuschauer, werden wir vielleicht Antworten finden.