Essay
Waltzing Through: Ordnung, Rausch und weibliche Autorschaft im Spiegel der Zeit
by Anna Beke
Ein Walzer, der ins Wanken gerät. Ordnung, die bricht, Eleganz, hinter der sich Gewalt verbirgt. Mit «Waltzing Through» präsentiert die junge Choreografin Lida Doumouliaka eine Neukreation für Studierende der Ballett-Akademie, die den Übergang von Tradition zu Bruch und von historischen Figuren zu jungen Körpern auf der Bühne erkundet.

Mit jeder Ausgabe laden die beim Münchner Publikum äußerst beliebten Bosl-Matineen dazu ein, neue programmatische Konstellationen zu entdecken. In der aktuellen Frühlingsmatinee, gemeinsam gestaltet mit dem Bayerischen Junior Ballett München, sticht diesmal unter anderem ein Fokus hervor: weibliche Stimmen im Tanz – aus der Vergangenheit und Gegenwart –, die sich nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständliche programmatische Setzung präsentieren. Dieser Fokus bildet einen Wahrnehmungsrahmen für den Abend – und für «Waltzing Through» zugleich – ein Stück, das eingebettet ist, in einen größeren Diskurs über weibliche Autorschaft und die bewusste Verknüpfung von der frühen Moderne bis in die Gegenwart.
Eine besondere Resonanz entfaltet sich im Zusammenspiel mit «3 Isadoras» von Ivan Liška, getanzt von der Juniorkompanie. Liškas Werk reflektiert das Vermächtnis Isadora Duncans – jener Ikone der Tanzmoderne, die um 1900 den Tanz von den Konventionen und teils erstarrten Formen des klassischen Balletts befreite. Duncan entwarf, inspiriert von Antike, Natur und philosophischen Ideen von Freiheit, eine Vision des Tanzes, die Körper, Geist und Geschichte miteinander verband. Weibliche Autorschaft wurde hier nicht programmatisch behauptet, sondern körperlich sichtbar. Auch in München war Duncan präsent: Sie triumphierte mit ihrem Debüt im Münchner Künstlerhaus 1902 als Auftakt ihrer Deutschland-Tournee und verzückte im Volkstheater 1906 ausgerechnet mit einem Walzer-Abend – just in dem Jahr, als Maurice Ravel seine Arbeit an «La Valse» begann, Ausgangspunkt für «Waltzing Through».
Mehr als ein Jahrhundert später entsteht Doumouliakas Arbeit aus einer anderen historischen Realität heraus – und doch berühren sich die Linien. Die Griechin denkt Tanz ebenfalls im Kontext eines kulturellen Gedächtnisses und positioniert sich bewusst als weibliche Choreografin innerhalb institutioneller Strukturen. Während die US-Amerikanerin den Blick auf eine idealisierte Antike richtete, erkundet Doumouliaka die Brüche der Moderne: auf Gesellschaften im Übergang, auf Ordnungen, die ins Wanken geraten, auf Eleganz, hinter der sich Gewalt, Verdrängung und Kontrollverlust verbergen. Diese Perspektive prägt auch die Wahrnehmung des Publikums: «Waltzing Through» entfaltet sich weniger als Illustration historischer Komposition, sondern als choreografische Befragung von Geschichte, Körpern und ihren Ordnungen.
Während «3 Isadoras» sein fünfjähriges Jubiläum feiert, ist «Waltzing Through» eine Uraufführung, die sich explizit an Tänzerinnen und Tänzer am Übergang vom Studium in die professionelle Laufbahn richtet. Dieser biografische Übergang ist zugleich dramaturgischer Zustand: Die Körper auf der Bühne befinden sich zwischen Formung und Öffnung, zwischen Setzung und Suche. Die Arbeit ist Experimentierfeld und präzise gesetzte Struktur zugleich – ein Raum, in dem Erfahrung, kulturelles Bewusstsein und ästhetische Forschung ineinandergreifen.
Maurice Ravels «La Valse» – eine Komposition, die selbst aus dem Spannungsfeld von Tradition und Bruch hervorgegangen ist – ist für Doumouliaka auch in ihrer aktuellen Arbeit niemals Begleitung, sondern Ursprung ihres gesamten choreografischen Denkens. „Am Anfang wähle ich immer die Musik. Welche Komposition inspiriert mich? Von dort aus beginnt alles.“ Musik ist für sie Struktur, Grenze und innerer Motor zugleich. Bewegung entsteht aus der Partitur heraus und kehrt zu ihr zurück. „Die gesamte Inspiration wird von der Musik initiiert und endet dort. Es ist wie ein Kreis.“

La Valse – ein Werk mit zwei Gesichtern
Ravels „poème chorégraphique“ entstand über einen ungewöhnlich langen Zeitraum. Erste Skizzen reichen bis ins Jahr 1906 zurück, ursprünglich als Hommage an den Wiener Walzer und Johann Strauss gedacht. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Arbeit jäh; erst 1920 konnte Ravel das Werk vollenden. Die Spuren dieser historischen Zäsur sind in der Musik unüberhörbar eingeschrieben – als Zusammenbruch einer Epoche, Apotheose des Fin-de-siècle. „Für mich hat dieses Stück zwei Gesichter.“, konstatiert die Choreografin. „Klare Muster des Walzers, elegante Tänze, glückliche Momente – und zugleich das Grauen des Krieges, etwas zutiefst Menschliches, sehr Dunkles. Diese beiden Seiten existieren gleichzeitig.“ Diese Gleichzeitigkeit prägt auch die choreografische Wahrnehmung: Was vertraut erscheint, kippt, was Ordnung verspricht, trägt bereits den Keim des Zerfalls in sich. «La Valse» beginnt mit schwebenden, nebelhaften Klangflächen, aus denen allmählich Walzerfragmente entstehen. Doch das Vertraute gerät aus dem Gleichgewicht: Rhythmen verzerren sich, Harmonien kippen ins Dissonante, der Walzer beschleunigt sich bis zur Ekstase – und bricht schließlich in einem eruptiven Finale zusammen. Ordnung und Rausch, Glanz und Gewalt sind unauflöslich miteinander verschränkt.
Serge Diaghilew, Impresario der Ballets Russes und Auftraggeber des Werkes, lehnte «La Valse» nach einer Präsentation im privaten Kreis ab. Das Stück sei zwar ein Meisterwerk, aber „nicht tanzbar“ – eher das Bild eines Balletts als ein Ballett selbst. Für Doumouliaka, die sich nach «Le Sacre du Printemps» und «Petruschka» erneut mit einem Schlüsselwerk der legendären Balletttruppe auseinandersetzte, ist dies vor allem ein historisches Missverständnis: „Vielleicht entsprach Ravels Walzer nicht Diaghilews Vision. Aber bereits wenige Jahre später wurde das Werk choreografiert – 1929 erstmals von Bronislava Nijinska. Es gibt viele Versionen und ist absolut tanzbar.“ Neben weiteren prominenten Lesarten – von George Balanchine über Frederick Ashton bis hin zu Jiří Kyliáns «Zugvögel» als Hommage an das Münchner Nationaltheater und Bayerische Staatsballett 2009 – sticht Nijinskas Pionierleistung besonders ins Auge: Die erste choreografische Interpretation des Werks stammt von einer Frau.

Ein Walzer als Ordnungssystem
In «Waltzing Through» erscheint der Walzer nicht nur als historisches Stilzitat, sondern als Ordnungssystem: eine soziale Form, die Nähe reguliert, Körper in Beziehung setzt und Stabilität suggeriert – doch diese Ordnung erweist sich als fragil. „Die Hauptidee war, einen Walzer zu zeigen, der glücklich ist, vornehm, aus der High Society“, erklärt Doumouliaka. „Dieser Walzer transformiert sich in Bilder, die die Pathologien der Menschheit aufzeigen: Kriege, Schüsse, aber auch alltägliche Situationen – wir gehen an jemandem vorbei und schauen weg.“ Diese Transformation des Zerfalls vollzieht sich nicht linear, sondern in einem ständigen Wechselspiel. Der choreografische Verlauf ist geprägt von wiederholtem Kippen: Ordnung entsteht, bricht zusammen, richtet sich neu aus. Das Walzermotiv kehrt zurück, Damen fallen in Ohnmacht, kämpfende Körper erscheinen – eine zweigesichtige Realität.
Die Belle Époque dient hier als ästhetische Folie – nicht nostalgisch, sondern ironisch gebrochen. „Sie gilt als vielleicht progressivste Zeit Europas. Es gab Geld, technologischen Fortschritt, bessere Lebensqualität. Ich bewundere diese Ästhetik – aber hier zeige ich auch die andere Seite: soziale Spannungen, die teilweise zum Krieg führten.“

Musik denken, Bewegung bauen
Doumouliakas Arbeitsweise ist von musikalischer Präzision geprägt. Als Musikerin und Komponistin arbeitet sie streng entlang der Partitur, und lediglich innerhalb dieser Struktur entsteht Raum für kollektive Kreativität – besonders mit Studierenden, deren Offenheit und Risikobereitschaft sie schätzt. Die komplexe Struktur von «La Valse» mit ihren wechselnden Phrasen, unregelmäßigen Taktarten und abrupten Übergängen wird systematisch in Bewegung übersetzt und dient als Orientierung für das choreografische Geschehen.
Geboren 1994 in Athen, wuchs Doumouliaka früh mit Musik und Tanz auf. Mit 14 Jahren choreografierte sie erstmals für ein Schulprojekt, danach entschied sie sich für eine professionelle Ausbildung – die schöpferische Tätigkeit blieb allerdings immer ihr bevorzugtes Ausdrucksfeld: „Ich mochte Kreieren stets mehr als Auftreten – sowohl in der Musik als auch im Tanz. Auf der Bühne fühlte ich mich nie ganz wohl“, gesteht sie. Nach Stationen in Griechenland und Kuba lebt die Künstlerin heute in der Schweiz, wo sie sich nach ihrer Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) künstlerisch etablieren konnte. Neben ihrer Zusammenarbeit mit renommierten internationalen Kompanien choreografiert sie häufig für Bachelor-Studierende und junge Ensembles, als ein weiterer Schwerpunkt ihrer künstlerischen Praxis.

Transformation als Zustand
Dass «Waltzing Through» von einer Frau geschaffen wurde, ist kein beiläufiger Umstand. Doumouliaka reflektiert die Strukturen des Tanzbetriebs offen. „Auch im zeitgenössischen Tanz ist er größtenteils männlich dominiert. Weibliche Stimmen brauchen meiner Ansicht nach mehr selbstverständlichen Raum. Es gibt etwas Fragiles bei Künstlerinnen, das mich sehr berührt.“ Die Wahl für ein anschließendes Arbeitsprojekt überrascht daher kaum: Ihre nächste Produktion widmet sich Komponistinnen und untersucht historische Bedingungen weiblicher künstlerischer Produktion. «Waltzing Through» formuliert diese Haltung subtil, aber ebenso deutlich: Sensibilität für Brüche, Fragilität für das, was unter glänzenden Oberflächen verborgen liegt.
Am Ende des gemeinsamen Nachsinnens über Kulturgeschichte und weibliche Autorschaft steht eine bezeichnende Entscheidung. Auf die Frage, ob sie sich als Griechin einerseits sowie als Tänzerin und Musikerin andererseits stärker von Isadora Duncan oder der griechischen Operndiva Maria Callas inspiriert fühle, zögert Doumouliaka zunächst. „Beide waren extrem dynamische Frauen“, konstatiert sie. „Die eine im Tanz, die andere im Gesang. Meine Mutter trägt sogar denselben Namen wie Maria Callas – Maria Kalogeropoulou –, und ich bewundere ihre Größe zutiefst.“ Und doch fällt ihre Wahl eindeutig auf Duncan, nicht aufgrund ihrer durchlebten Tragik, sondern wegen ihrer Haltung. Duncan, so Doumouliaka, habe stets für Freiheit gekämpft: für das Recht, als Frau unabhängig zu leben, für eine Kunst jenseits rigider Systeme. Sie habe strenge Ordnung hinter sich gelassen, um Neues zu ermöglichen. „Wir können frei atmen und frei tanzen“, lautete ihr kompromissloses Credo.
Diese Philosophie, so beschreibt es Lida Doumouliaka, sei näher an der Gegenwart – und näher an dem, was sie selbst als Künstlerin suche und auszudrücken wünsche. In dieser bewussten Wahl der Choreografin schließt sich auch der programmatische Kreis: von der frühen Tanzmoderne bis zur heutigen Neukreation, von der griechischen Antike über Ravels taumelnden Walzer bis zu jungen Körpern im Hier und Jetzt. «Waltzing Through» ist letztlich daher weniger ein Tanz durch die Geschichte als ein choreografisches Angebot an sein Publikum – genauer hinzusehen, Ambivalenzen auszuhalten, Ordnung immer wieder neu zu befragen und vor allem, Ravel zu genießen.