Backstage

Interview

Der Kreis schliesst sich: Nicha Rodboon und The New 45

von Terence Kohler

Nach einer Karriere beim Bayerischen Staatsballett und dem Opera Ballet Vlaanderen kehrt die ehemalige Tänzerin und Fotografin Nicha Rodboon, einst Mitglied des Bayerischen Junior Balletts München, nach 14 Jahren nach München zurück, um Richard Siegals «The New 45» neu einzustudieren – ein Werk, das sie selbst als junge Tänzerin in der Kompanie getanzt hat. Mit Terence Kohler sprach sie über das Gefühl, wenn der Kreis sich schließt, über die Wiederentdeckung von Bewegung, und darüber, was Tanz für sie bis heute bedeutet.

Sie waren in den Anfangsjahren Mitglied des Bayerischen Junior Ballett München und haben damals Richard Siegals «The New 45» getanzt. Jetzt kehren Sie zurück, um das Stück für eine neue Generation von Tänzerinnen und Tänzern einzustudieren. Welche Erinnerungen haben Sie an die erste Zeit mit diesem Werk?

Ich kam 2011 als Teil der zweiten Tänzer-Generation ins Junior Ballett. «The New 45» wurde uns damals von Ayman Harper beigebracht. Ich kam frisch von der Ballettschule, wo alles sehr klassisch war – aber in mir war schon immer dieses Kind, das sich freier bewegen wollte. Ich habe auch Klavier gespielt, und dadurch hatte ich sofort einen Bezug zur Musik – sie hat so viele Schichten, so viel Jazz. Von Anfang an habe ich das Stück geliebt: den Groove, den Humor, die Freiheit, aus der Strenge des klassischen Balletts auszubrechen und auf der Bühne ein bisschen albern zu sein – das war befreiend.

Nach 14 Jahren wieder nach München zurückzukommen, um bei der 15-Jahre-Gala der Kompanie aufzutreten, war sehr emotional. Ich hätte nie gedacht, noch einmal auf der Bühne des Nationaltheaters zu stehen! Ich hatte ganz vergessen, wie groß sie ist. Mit Nick Losada, meinem damaligen Partner, wieder zu tanzen, fühlte sich völlig natürlich an – als hätten die Bewegungen meinen Körper nie verlassen.

Wie war es, «The New 45» nach all den Jahren als erfahrene Tänzerin wieder aufzugreifen?

Als ich das Stück damals zum ersten Mal getanzt habe, dachte ich, ich hätte es verstanden. Aber nach so vielen Jahren Erfahrung – in verschiedenen Stilen und mit unterschiedlichen Choreografien – sehe ich es heute auf einer ganz neuen Ebene. Der Humor, die Phrasierung, die Energie zwischen den Tänzern … Ich empfinde das Stück jetzt viel tiefer. Es ist, als würde man ein altes Gespräch wieder aufnehmen und plötzlich all die Ebenen erkennen, die man früher überhört hat.

Sie haben seither große Rollen getanzt – unter anderem in «Frühlingsopfer» von Pina Bausch und in Akram Khans «Giselle». Wie sehen Sie Ihren Weg vom Junior Ballett bis heute?

Das BJBM war der perfekte Anfang. Weil die Gruppe klein ist, tanzt man sehr viel. Man steht ständig auf der Bühne, probt, lernt. Wir sind auch durch Deutschland und Europa getourt – das war eine großartige Zeit. Es gibt einem als junge Künstlerin so viel Selbstvertrauen. Ich hatte so viel gelernt, aber ich lernte auch weiter, indem ich mich selbst herausforderte. Wenn man dann in eine große Kompanie kommt, bringt man bereits viel Bühnenerfahrung mit.

Sie sind auch für Ihre Fotografie bekannt, die ja schon zu Ihrer Zeit im BJBM begann. Wie hat diese Praxis Sie als Künstlerin beeinflusst?

Ich habe damals im Konstanze-Vernon-Saal angefangen zu fotografieren, weil ich Momente festhalten wollte, die das Publikum nie sieht – die Erschöpfung, die Konzentration, die Emotionen. Dann begann ich, hinter der Bühne zu fotografieren, diese stillen, menschlichen Momente kurz vor oder nach dem Auftritt. Mit der Zeit wurde das meine Art, Menschen zu beobachten – ihre Gefühle, ihre Geschichten. Und jetzt, zurück in München, fotografiere ich die Tänzerinnen und Tänzer wieder. Es fühlt sich wirklich an, als hätte sich der Kreis geschlossen.

Wenn Sie «The New 45» heute mit den jungen Tänzerinnen und Tänzern einstudieren – was möchten Sie ihnen mitgeben?

Ich liebe die Arbeit mit jungen Künstlerinnen und Künstlern, weil sie alles so schnell aufnehmen. Schon nach einer Woche sieht man ihre Entwicklung. Viele kommen aus der klassischen Ausbildung, und ich versuche ihnen zu helfen, ihren Körper anders zu spüren – Bewegung zu vertrauen, anstatt nur an Positionen zu denken. Ich sage ihnen immer: „Dein Körper ist dein Instrument.“ Es muss nicht immer perfekt aussehen – wenn es sich gut anfühlt, dann ist es lebendig.

Mir ist aufgefallen, dass Sie die Proben oft mit einer improvisatorischen Aufwärmphase beginnen, bei der sich alle sehr frei bewegen. Was steckt dahinter?

Ich möchte, dass sie ihre Gelenke, ihre Wirbelsäule, ihren Atem spüren – dass sie alles lockern. Wir bewegen die Gelenke in kreisenden Bewegungen und spüren die Luft um uns, den Raum hinter uns, den Boden unter unseren Füßen. Ballett lehrt dich, die Schwerkraft zu überwinden, aber ich erinnere sie daran, dass die Schwerkraft trotzdem da ist. Wenn man sich wieder mit ihr verbindet, bewegt man sich natürlicher und mit mehr Bewusstheit.

Wie würden Sie «The New 45» jemandem beschreiben, der das Stück noch nie gesehen hat?

Es ist eigenwillig und voller Persönlichkeit. Die Musikalität ist alles, jede Bewegung entsteht direkt aus der Musik. Wenn man es anschaut, hört man den Rhythmus in den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer. Der Körper wird zur Musik und die Musik wird zum Körper.

Und zum Schluss – was bedeutet Tanz heute für Sie?

Als ich jünger war, wusste ich gar nicht genau, warum ich tanze – es war einfach Teil der Ausbildung, für Prüfungen. Aber mit der Zeit habe ich in der Bewegung Freiheit entdeckt. Heute ist Tanz für mich der Weg, mich selbst auszudrücken. Er ist meine Herausforderung und mein Zuhause zugleich. Natürlich sagen einem die Leute: „Du musst so aussehen, dich so bewegen“, aber irgendwann habe ich gemerkt – das hier ist mein Körper, und so drücke ich mich aus. Wenn es sich für mich richtig anfühlt, dann ist das genug.