Backstage

Interview

Von der Kunst der Vielfalt: Drei Frauen. Ein Gespräch

von Deike Wilhelm

Deike Wilhelm: Seit 2012 begleite ich die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Junior Ballett München als Inspizientin auf allen Gastspielen. Ich bin für den Ablauf der Vorstellungen hinter der Bühne verantwortlich. Vor und während der Vorstellung rufe ich alle Beteiligten – Künstler und Kollegen der Technik – rechtzeitig zu ihren Einsätzen, gebe alle Musik- und Lichteinsätze, sage Vorhänge und Bühnen-Verwandlungen an. Es ist ein Wirken zwischen Kunst und Technik, das besonders erfüllend ist, wenn ich den Fluß der Vorstellung fühle und durch mein eigenes Zeitgefühl mit gestalte. Da ich die neuen Kreationen meist als fertige Werke kennen lerne, interessiert mich der Blick hinter die Kulissen und ganz besonders die Sichtweise der Choreografinnen und Choreografen. Ich hatte die Gelegenheit mit den Choreografinnen der neuen Stücke zu sprechen. Das Gespräch mit Caroline Finn führte ich per Video-Skype. Mit Maria Barrios konnte ich in München persönlich sprechen.

Maria Barrios, Freischaffende Choreografin (MB)
Caroline Finn, Resident Choreographer National Dance Company Wales (CF)
Deike Wilhelm, Inspizientin des Bayerischen Junior Ballett München (DW)

DW: Maria, wir haben uns vor einigen Jahren bei unserem Gastspiel in Israel kennengelernt, wo du seit 2011 lebst und arbeitest. Dein Stück „Three Loves“, das du 2016 mit dem Bayerischen Junior Ballett erarbeitet hast, hat mich sehr berührt. Umso mehr freue ich mich nun auf deine neue Kreation und unser Gespräch. Du arbeitest mit den jungen Tänzerinnen und Tänzern des Bayerischen Junior Ballett, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Wie war das bei dir?

MB: Ich bin in Venezuela in eine Künstler-Familie geboren und habe – laut Erzählungen – getanzt, noch bevor ich gehen lernte. Wir sind dann bald nach Europa gezogen und in Paris habe ich mit dem Ballett angefangen. Noch als Kind ging ich dann nach New York an die Juilliard School. Mit fünfzehn Jahren tanzte ich in meiner ersten Company, dem National Ballet of Canada. Ich war sehr jung und hatte großes Glück. Wir waren mit der Company auf einer sehr langen Gastspielreise: 58 Wochen mit Rudolf Nurejew durch die Vereinigten Staaten und Kanada. Und dann geschah mir etwas, das wie ein Märchen klingt: Eine der Solistinnen verletzte sich. Ich kannte ihre Choreografie noch von meiner Zusammenarbeit mit José Limón in New York. Rudolf Nurejew hatte das bemerkt und meinte: „Was ist denn mit dem kleinen spanischen Mädchen? Sie kennt die Choreografie.” Das war meine große Chance. Und dann tanzte ich drei Jahre lang mit Rudolf Nurejew. Das hat meiner Karriere einen großen Schub gegeben.

DW: Wie war das damals für dich als so junge Tänzerin mit dem großen Weltstar Rudolf Nurejew zu arbeiten?

MB: Ich hatte am Anfang wahnsinnig Angst, weil Rudolf Nurejew eine sehr schwierige Person war. Er konnte wirklich furchtbar zu Menschen sein. Sehr hart. Und ich hatte erwartet, dass er auch mit mir wirklich grausam sein würde. Es war eine riesige Herausforderung. Ich dachte beim ersten Mal, dass ich auf der Bühne sterben würde. Er hatte nämlich im Studio zu mir gesagt: „Gut, kannst Du die Rolle? Dann sehen wir uns in drei Tagen in San Francisco auf der Bühne. Und dann zeigst Du mir, was Du kannst.” Als ich dann in San Francisco ganz alleine auf die Bühne kam, saß Nurejew in einem Stuhl und war wie ein Gott. Er war DER Tänzer schlechthin. Er legte die Musik auf und ich musste ihm alleine auf der Bühne vortanzen. Danach war ich mir sicher, dass er sich furchtbar aufregen würde, doch das Gegenteil war der Fall: Er war unglaublich freundlich und bestärkte mich: „Du kannst die Choreografie. Das wird gut.” Und ab dem Moment gab er mir viele Chancen. Ich tanzte mit ihm bei Nurejew & Friends am Broadway. Das war ein wichtiger Schritt in meiner Karriere. Er war extrem inspirierend.

DW: Wann hast du mit dem Choreografieren begonnen?

MB: Ich habe immer schon choreografiert. Schon als kleines Kind. Das ging Hand in Hand mit dem Tanzen. Ich war immer Tänzerin und Choreografin. Das gehört in meinem Leben zusammen.

DW: Caroline, wie bist du zum Tanz gekommen?

CF: Ich war auch sehr jung. Ungefähr drei oder vier Jahre alt. Wirklich für Tanz habe ich mich etwas später entschieden. Im Alter zwischen neun und elf Jahren hatte ich oft Depressionen. Doch dann hatte ich eines Tages einen außergewöhnlichen Moment absoluter Klarheit. Ich ging zu meiner Mutter und sagte: „Ich möchte auf eine Tanzschule. Ich möchte richtig tanzen lernen.” Und ab dem Moment hatte ich keine Depressionen mehr. Tanz war also immer schon etwas, was mir extrem geholfen hat. Ich weiß nicht genau, was der eigentliche Grund war, aber ab dem Moment wusste ich, was ich wollte. Also bin ich mit elf Jahren von Zuhause fort gegangen, um tanzen zu lernen. Als ich mit 18 Jahren die Schule beendete, wusste ich, dass ich mich auf Zeitgenössischen Tanz konzentrieren wollte. Ich wusste aber auch, dass ich noch nicht reif genug war, direkt in einer Company anzufangen. Deshalb habe ich mich bei der Juilliard School in New York beworben und wurde glücklicherweise genommen. Dort habe ich studiert und mein erster Job war dann tatsächlich in München. Im Ballett des Staatstheater am Gärtnerplatz.

DW: Wieso kamst du von New York ausgerechnet nach München?

CF: Jemand an der Juilliard School meinte, dass es nicht nur das NDT, Cullberg Ballett und Rambert Dance Company gibt, sondern, dass man in den kleineren Compagnien so viel mehr lernen kann. Deshalb habe ich unter anderem beim Gärtnerplatztheater vorgetanzt und als ich den Job bekam, war ich so glücklich, weil es sich anfühlte, als sei dieser Job wirklich für mich bestimmt gewesen. Es waren nicht nur die glücklichsten Jahre meines Lebens, sondern es war auch ein Umfeld, in dem ich sehr viel lernen konnte. Diese Staatstheater-Welt mit all den vielen unterschiedlichen Künstlern war wie ein Schutzraum, in dem ich als Künstlerin wachsen konnte. Ich war dort sehr glücklich. Als ich die Company 2007/08 verließ, wusste ich, dass ich von nun an unbedingt mehr choreografieren wollte. Philip Taylor hatte mir am Gärtnerplatztheater wunderbare Möglichkeiten gegeben und mich als Choreografin immer unterstützt. Von da an entwickelte sich alles ganz von alleine – ich tanzte weniger und choreografierte mehr.

DW: Warum wolltest du überhaupt choreografieren?

CF: Das ist interessant. Eigentlich wollte ich das nie, aber im Studium an der Juilliard School mussten wir im ersten Jahr das Fach Choreografie belegen. Und ich hatte wirklich keine Lust dazu. Am Jahresende mussten wir dann ein Stück mit einem Musiker von der Schule kreieren. Ich hatte einen akustischen Gitarristen gefunden, mit dem ich mein Stück entwickelte und es war eine außergewöhnliche Erfahrung. Ab diesem Moment wusste ich, dass ich das unbedingt machen möchte. Es hat mir eine Erfüllung gegeben, wie ich sie nie zuvor erfahren hatte, als ich „nur“ Stücke anderer Choreografen tanzte. Das Choreografieren bedeutet für mich eine andere Art von Stress, mehr Stress, aber auch eine viel größere Erfüllung am Ende. Von da an wählte ich Choreografie freiwillig als Unterrichtsfach. In den vier Studienjahren bekamen wir immer mehr Gelegenheiten zu choreografieren und dann hatte ich bei Philip Taylor in München so tolle Möglichkeiten. Er hat sogar ein Stück von mir ins Repertoire aufgenommen – das war damals eine große Auszeichnung. Manchmal gibt es Gründe dafür, warum man im Leben Dinge tun muss, die man eigentlich nicht wirklich möchte. Man lernt so etwas kennen, was man sonst vielleicht nie entdeckt hätte.

DW: Das ist das erste Mal, dass du mit einer klassischen Ballett-Company arbeitest und eben nicht mit einer zeitgenössischen Company. Wie geht es dir damit?

CF: Das ist ganz besonders. Ich bin schon aufgeregt, weil ich so gerne mit den Tänzerinnen und Tänzern die Vielfalt an Farben und Facetten des Tanzes teilen möchte. Die meisten Mitglieder des Bayerischen Junior Ballett München haben einen sehr klassischen Hintergrund. Sie sind außerordentlich talentiert und deshalb denke ich, dass es für sie sehr spannend sein wird, in ihrem Körper auch etwas anderes zu erfahren. Auch, weil die meisten Ballett-Compagnien heute immer wieder zeitgenössische Choreografen beauftragen. Ich hoffe also, dass ihnen diese Erfahrung etwas für ihre zukünftige Karriere bringt. Aber ich war schon sehr überrascht, als Ivan mich gefragt hat… Weil ich eben nicht vom klassischen Ballett komme. Er hatte ein Stück von mir gesehen, das ich für die National Dance Company Wales kreiert habe und ihm gefiel das Engagement der Tänzerinnen und Tänzer. Ihr emotionaler Einsatz und die Hingabe an die Figuren und an das Stück an sich. Und ich glaube, das ist es, was er seinen jungen Tänzerinnen und Tänzern ermöglichen möchte. Es wird sicherlich eine Herausforderung für die jungen Menschen, aber eine positive. Ich gebe zwar Struktur und viele Schritte vor, doch ich erwarte auch viel Input von den Tänzerinnen und Tänzern. Ich möchte, dass sie kreativ sind. Ich finde es großartig, wenn ich ihre Persönlichkeiten in meiner Arbeit sehen kann. Deshalb hoffe ich, dass sie Freude daran haben und offen sind.

DW: Die Offenheit, die du dir wünschst, ist ja auch eine Offenheit anderen Sicht- und Denkweisen gegenüber. Du und Maria, ihr habt beide viel und sehr früh im Ausland gelebt und seid beide weiterhin auch viel international tätig. Wie wichtig ist das für dich?

CF: Es ist für mich immer eine sehr positive Herausforderung in einem Umfeld zu sein, das durch das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen geprägt ist und geografisch an unterschiedlichen Orten zu arbeiten, an denen die Kultur und die Art der Kommunikation im Studio anders ist. Das liebe ich wirklich sehr und ich finde, dass es auch für die Tänzerinnen und Tänzer wunderbar ist, wenn sie in einem solchen Umfeld mit Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen leben können. Das nährt sie und macht sie offener für unterschiedliche Herangehensweisen und Bewegungsformen, aber auch für andere Denk- und Verhaltensweisen. Ich glaube, die Internationalität ist das größte Geschenk unserer Arbeit.

DW: Maria, wie siehst du das?

MB: Ich glaube, das Leben an unterschiedlichen Orten erzeugt Gefühle, die man wiederum in die Sprache des Balletts und des Tanzes übersetzen kann. Heute tanzen wir zwar eine Mischung von unterschiedlichen Stilen aus klassisch, neo-klassisch und zeitgenössisch, doch die Sprache des Tanzes ist immer universell. Das finde ich fantastisch. Jetzt komme ich zum Beispiel gerade aus China und sehe alles ganz anders, weil es dort wirklich wie eine andere Welt ist. Und diese Gefühle und Emotionen, die das in mir auslöst, übersetze ich in die Sprache des Tanzes und dann wird das für alle verständlich, auch für die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Man kann über vieles sprechen, aber erst, wenn man sich bewegt, versteht man wirklich, was wir eigentlich meinen. Für mich kommt Tanz immer aus dem emotionalen Zentrum. Von dort geht die Bewegung nach außen. Tanz ist nicht etwas, das im Außen entsteht, es kommt aus dem Inneren und fließt nach Außen. Und diese menschlichen Gefühle sind universell und überall verständlich.

DW: Wenn ich dich richtig verstehe, lösen die unterschiedlichen Orte und Kulturen in dir etwas Neues aus.

MB: Ja, ein anderes Gefühl. Vielleicht ist das auch einfach meine Persönlichkeit. Ich nehme neue Orte und Menschen immer auf emotionaler Ebene wahr. Andere achten vielleicht mehr auf das, was es zu sehen oder zu essen gibt. Bei mir ist das anders. Es sind die Menschen und Gefühle. Das fließt in mein Schaffen ein. Es sind sozusagen die Gewürze, die man einem Essen beigibt, doch am Ende verschmilzt alles in einer einzigen Sprache des Tanzes. Und das macht das Stück reich. Wenn man dann mit Tänzerinnen und Tänzern wie hier zum Beispiel arbeitet, die alle von unterschiedlichen Orten aus vollkommen unterschiedlichen Hintergründen kommen, von unterschiedlichen Schulen, Familien, Traditionen und so weiter, dann werden all diese Unterschiede irgendwie kanalisiert und verschwinden nicht im Tanz, sondern jede einzelne Tänzerin und jeder einzelne Tänzer hat eine ganz eigene Weise, in der sie oder er diese Unterschiede in die Bewegungen einfließen lässt. Das Besondere ist wirklich diese Sprache, die man durch den Tanz schafft, in der sich alles multipliziert und durch die alles ausgedrückt wird.

DW: Meinst du, das ist nur der Kunst vorbehalten? Oder wie siehst du die Rolle von Kunst in unserer Gesellschaft heute?

MB: Wenn man sich die Welt heute anschaut mit all den Konflikten und der Gewalt und den Schwierigkeiten an so vielen Orten, dann denke ich, dass Tanz nicht nur oberflächlich und schön sein kann. Ich denke, Theater sollte genau der Ort sein, an dem unsere Gemeinsamkeiten als Menschen einen Platz finden, an dem wir Künstler die universellen menschlichen Gefühle mit dem Publikum teilen, so dass sie mit einem Gefühl von Erkenntnis oder Erweiterung nachhause gehen – sei es eine friedvolle Erfahrung oder das Verständnis, dass es letztendlich im Leben um menschliche Erfahrungen geht, um zwischenmenschliche Verbindung und nicht um Konflikte, die uns trennen. Auch wenn man natürlich im Theater Konflikte zeigt. Das geschieht jedoch, um beim Zuschauer ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, welche Konflikte in unserer Gesellschaft noch zu lösen sind. Ich denke, Tanz sollte das Publikum berühren, vor allem auch das junge Publikum heute, denn sie sind so verbunden mit ihren digitalen Geräten. Alles passiert hinter einer Scheibe. So verpasst man doch irgendwie das Leben und die emotionale Verbindung mit anderen Menschen.

DW: Caroline, was ist für dich Kunst? Und welche Rolle spielt sie in der Gesellschaft?

CF: Das ist sehr vielfältig. Kunst ist für mich auf der einen Seite das, was mich irgendwo berührt. Im Bauch. Das kann ein positives oder negatives Gefühl sein. Aber es ist etwas, das ich im Bauch fühle. Das kann Tanz oder Musik sein, ein Gemälde oder ein Film. Es hat diese Wirkung. Kunst ist aber auch Handwerk, etwas, das durchdacht und durchfühlt wurde. Es kann durch Zufall entstehen. Beinahe durch die Natur. Der Aspekt des Handwerks darf in der Kunst nicht unterschätzt werden.

DW: Ich denke, die Funktion von Kunst in unserer Gesellschaft heute ist, uns einander näher zu bringen. Und unseren Geist auf unterschiedliche Arten zu öffnen, in unterschiedlichen Weisen zu denken und zu sehen. Ich glaube, das ist die wichtigste Aufgabe von Kunst und zeitgenössischem Tanz. Ich ermutige deshalb die Leute immer, dass sie etwas Eigenes in einem Stück sehen. Etwas, was ein anderer Zuschauer vielleicht völlig anders interpretiert. Das ist für mich die Kraft des Universellen, das ist die universelle Kraft von Kunst, dass sie eben zu Menschen auf so vielfältige Weise sprechen kann. Ich liebe es, wenn Zuschauer nach der Vorstellung zu mir kommen und sagen: „Das Stück ist über dieses Thema.” Und eine andere Person widerspricht: „Was? Nein. Ich habe darin etwas ganz anderes gesehen…” Das macht mich wirklich glücklich, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich genau das erreicht habe, was ich erreichen wollte. Die Menschen erleben, dass eine andere Person etwas völlig anderes gesehen hat und wenn diese Person klar argumentiert, dann wird es für die anderen vielleicht auch nachvollziehbar, warum sie zu einer so völlig anderen Interpretation gekommen ist. Das ist für mich die ideale Gesellschaft, nach der wir alle streben: Den anderen Menschen erlauben, etwas anders zu sehen und zu denken und das zu akzeptieren und uns davon öffnen zu lassen. Und Kunst hat für mich schon auch die Aufgabe, einen Zufluchtsort zu bilden. Ich liebe es Menschen zu unterhalten. Ich schenke den Menschen mit meiner Arbeit einen Moment, um dem Alltag zu entkommen. Das ist manchmal wichtig.
Wie ist es für dich, mit jungen Tänzerinnen und Tänzern zu arbeiten, Caroline?

CF: Ich liebe die Arbeit mit jungen Menschen, weil sie so einen Hunger haben. Ich habe so viel Freude daran, ihre Sicht auf Tanz zu erweitern. Oft denken sie, dass es im Tanz um die Form, die Gestalt, das Bild geht. Also um etwas Äußeres. Ich versuche dann, sie erleben zu lassen, dass Tanz etwas sehr viel Ehrlicheres ist, etwas, das aus dem Bauch kommt, aus den Emotionen. Wenn sie beim Tanzen von innen nach außen denken und nicht mehr von außen nach innen kann ihnen das eine viel kraftvollere Körperlichkeit geben. Das kann für junge Tänzerinnen und Tänzer anfangs schwierig sein, weil es viel Kraft kostet. Man hat nicht den Schutz von Gestalt und Form. Es fühlt sich an, als würde man seine Seele ausstellen und eben nicht nur den Körper. Das kann am Anfang Angst machen.

DW: Maria, wie siehst du das?

MB: Ich liebe die Reinheit der jungen Tänzerinnen und Tänzer. Sie sind noch so offen und durchlässig. Sie sind nicht durch schlechte Erfahrungen traumatisiert. Sie sind noch nicht gelangweilt. Sie faszinieren mich, weil sie so offen sind. Wie ein Kristall. So glänzend. Und man muß ganz vorsichtig mit ihnen umgehen, damit man sie nicht bricht. Gleichzeitig muss man sie nähren und fordern. Sie haben Feuer. Das finde ich sehr spannend. Auch, weil sie selbst alles noch spannend finden. Das erste, was ich bei jungen Tänzerinnen und Tänzern bemerke, ist, dass ihre Augen am Morgen strahlen. Das macht mir viel Freude. 

DW: Welchen Rat würdest du diesen jungen Menschen für ihre Karriere geben?

MB: Man wird der Tänzer oder die Tänzerin, der oder die man sein möchte. Man sollte also genau so sein, wie man sich das wünscht. Das Leben tanzen. Den Tanz leben. So habe ich das gemacht. Nicht jeder ist für diesen Beruf geschaffen. Manche wissen recht bald, dass es doch nichts für sie ist. Und manche hören auch erst später auf. Als Tänzerin oder Tänzer hat man nicht die Wahl zwischen diesem oder jenem. Man ist, was man ist und man ist ein Mensch, der mit ganzer Seele Tänzerin oder Tänzer ist.

DW: Vielen Dank euch beiden für das spannende Gespräch.