Backstage

Interview

Die Hunde müssen Bellen

von Serge Honegger

Marco Goecke erzählt im Gespräch mit Serge Honegger, wie es zum Auftrag für die Heinz-Bosl-Stiftung kam, wo der Teufel seine Suppe kocht und von der besonderen Chemie mit den Tänzerinnen und Tänzern des Münchner Ensembles.

Devil’s Kitchen, die Küche des Teufels, steht seit dem Mittelalter sinnbildlich für die Hölle. Ist sie ein Ort für den Tanz?

Der Titel, der auf Englisch nicht die gleichen Konnotationen wie im Deutschen hat, besitzt für mich mehrere Facetten. Diese haben mit meinem persönlichen Erleben zu tun und spiegeln unterschiedliche Lebenserfahrungen.

In München hat das Junior Ballett «All Long Dem Day» mit großem Erfolg einstudiert, für das Bayerische Staatsballett hast du «Sweet Bones‘ Melody» kreiert. Wie kam es nun zum Auftrag zu einer Uraufführung für die Heinz-Bosl-Stiftung?

Als ich von Ivan Liška die Anfrage erhielt, ein Stück zu kreieren, hatte ich davor eineinhalb Jahre nichts mehr choreografiert. Ich befand mich nach dem Skandal in Hannover in einer völligen Lähmung, saß einfach da und trauerte über den Tod meines Hundes Gustav. Ich führte aber auch bereits Gespräche über die Ballettdirektion in Basel. Derweil liefen meine Stücke weiter an verschiedenen Theatern auf der ganzen Welt. Auf Ivans Nachricht antwortete ich innerhalb von fünf Minuten. Der Moment war da, aus der Trauer herauszukommen und ein neues Leben anzufangen.

In welchem Zeitraum ist das Stück entstanden?

Mit den Proben fingen wir bereits im September 2024 an. Es gab mehrere Perioden, und die Erarbeitung hat sich über viele Wochen hingezogen. Auch wenn einige der Tänzerinnen und Tänzer bereits mein Stück «All Long Dem Day» getanzt hatten, fängt man gerade bei so jungen Leuten oftmals wieder von ganz vorne an. Das hat mir aber sehr viel Spaß gemacht!

Ist dieses Immer-wieder-von-vorne-Anfangen nicht ermüdend?

Ich mache diesen Beruf nun seit 26 Jahren. Prinzipiell sage ich allem zu, weil ich mir überlege: Vielleicht ist es ja die letzte Choreografie, für die ich angefragt werde? Oder ich denke: Bis dieses Projekt dann kommt, bin ich ja vielleicht eh schon tot und muss es gar nicht mehr umsetzen. Also gibt es gar keinen Grund zur Sorge, zu einem Projekt „Ja“ zu sagen. Aber dann vergeht die Zeit, und plötzlich steht man vor der Aufgabe, das zu realisieren, wofür man mal an einem ganz anderen Punkt seines Lebens seine Einwilligung gegeben hat.

Auch das ist eine Art Teufelsküche …

Natürlich. Aber wenn du weiterkommen willst, hast du vielleicht auch gar keine andere Möglichkeit, dich da hinein zu bewegen. Ich will ja etwas Neues über mich erfahren, weiterkommen und über meine eigene Kunst etwas lernen. Das ist immer ein Wagnis. Deshalb ist jedes Stück ein Gang in Teufels Küche. Man wird dort mit sich selbst konfrontiert. Damit müssen wir uns dann auseinandersetzen – ob wir wollen oder nicht. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben.

Woher nimmst du dann den Antrieb, dich wiederholt in eine solche mitunter höllische Situation zu begeben, wie es das Erarbeiten eines neuen Stücks ja sein kann?

Weißt du, wenn ich mit einer Choreografie fertig bin und ein neues Stück anfange, dann vergesse ich alle Verzweiflung, den Schmerz oder die Angst, dass ich das Handwerk vielleicht gar nicht beherrsche. Es ist, wie wenn man sich wieder neu verliebt und dabei den Liebeskummer vergisst, von dem man noch vor nicht allzu langer Zeit durchgeschüttelt wurde. In jedem Stück besteht mein Grundinteresse darin, den Menschen näherzukommen, etwas über sie zu erfahren. Da sind viele Gefühle im Spiel – Gefühle der Liebe, Gefühle des Wahnhaften.

Und der feste Boden – wo ist der?

Eine Küche als Ort hat für dieses Stück ganz real eine Rolle gespielt. Ich habe während der Probenzeit in dem Haus gelebt, in dem auch die Tänzerinnen und Tänzer der Heinz-Bosl-Stiftung untergebracht sind. Da gibt es, wie in jeder Wohngemeinschaft, eine von allen genutzte Küche. Dort haben wir uns getroffen und uns darüber unterhalten, wer sie als Künstler sind; wie das für sie ist, wenn sie für andere Kompanien vortanzen gehen; ob in der Ballettwelt jemand auf sie wartet und so weiter. All diese Fragen kennt man ja, wenn man auf die eigene Jugend zurückblickt.

Wie viel Realität erträgt ein Ballettstudio? Hat dieser Aspekt des Lebens nicht etwas Desillusionierendes, wenn es ums Tanzen geht?

Manchmal möchte ich diesen jungen Leuten sagen: „Ihr wisst es noch nicht, aber bald werdet ihr es erfahren: Da draußen ist alles Teufels Küche! Hoffentlich findet ihr in eurem Leben einen Choreografen, der euch wirklich wahrnimmt und euch nicht nur in der letzten Reihe tanzen lässt, wo euch niemand sieht.“ Aber da halte ich mich zurück. Es bringt nichts, vor Rückschlägen und Enttäuschungen zu warnen. Ich will ihnen Mut machen und sie in ihrem Weg bestärken. Das ist das Schöne am Älterwerden: Das Geben wird wichtiger.

Du hast ein Talent, eine sehr motivierende Stimmung auf den Proben entstehen zu lassen. Du kriegst die Tänzerinnen und Tänzer sogar dazu, sich in bellende Hunde zu verwandeln?

Dass ein solcher Prozess in Gang kommt, hängt damit zusammen, dass ich auch viel von mir preisgebe. Aber gleichzeitig gehe ich auch nach jeder Probe raus und frage mich: Was ist das eigentlich für ein Beruf? Ich bin ja erschöpft nach so ein paar Stunden im Studio …

Das Bewegungsmaterial zu «Devil’s Kitchen» wirkt auf mich sehr vielschichtig. Da ist nichts von einer Angestrengtheit zu spüren, obwohl die Partien bestimmt nicht leicht zu tanzen sind.

Das hat mit den Tänzerinnen und Tänzern zu tun. Ich bin immer wieder berührt davon, wie bereit sie sind, so viel von sich zu geben und sich in den künstlerischen Prozess einzubringen. Ich bin ja kein Teufel, der das Engagierte aus ihnen herausholt. Diese Großzügigkeit kommt von ihnen. Planen kann man das nicht. Es muss eine bestimmte Chemie geben.

Und die ist wahrscheinlich ja nicht in allen Ensembles die gleiche …

Bei diesem Stück gab es eine besondere Situation. Vielleicht ist sie daraus entstanden, dass ich mit diesen jungen Leuten Zeit in der Küche verbringen konnte. Ich hatte etwas mehr Freiraum als sonst und konnte geduldiger sein. Ich gab mir besondere Mühe, sie auf den Weg mitzunehmen. Einige haben diese Zeit sicher genossen, andere merken es möglicherweise erst in 30 Jahren, dass wir einen Abschnitt in unserem Leben geteilt haben, der bedeutungsvoll war.

Hast du dich in dein vergangenes Ich verwandelt, als du für ein paar Wochen in der Tänzer-WG gelebt hast?

Natürlich erinnere ich mich daran, wie es war, als ich vor vielen Jahren in München studierte und mit den anderen Partys an der Wilhelmstraße gefeiert habe. Ich war ja damals genauso alt wie jetzt die Tänzerinnen und Tänzer der Heinz-Bosl-Stiftung. Damals probten wir nicht in den gleichen Räumen, aber in den Tänzern sehe ich, was ich war und was ich sein wollte. Jetzt bin ich einfach älter. Das ist manchmal schwer zu akzeptieren. Wenn der Wunsch auftaucht, es möge anders sein, ist man bereits in Teufels Küche.

Hat dieser Schmerz nicht auch seine Schönheit?

Es gab Momente in den Proben, da habe ich jemanden tanzen sehen. Es war, als würde ich meinem jüngeren Ich zuschauen können. Dieser Tänzer war eins zu eins so, wie ich mir gewünscht hätte zu tanzen.

Gibt der Titel «Devil’s Kitchen» ein Programm oder eine bestimmte Dramaturgie vor?

Es gibt in diesem Stück keine Handlung. Es gibt nicht mal eine Idee – und das ist gut so. Wir entwickeln zusammen Material, wir hören Musik, wir suchen eine Form. In einem solchen abstrakten Stück geht es mir nur darum, was wir gemeinsam im Prozess teilen.

Und du hast dazu eine äußerst signifikante Musik ausgewählt …

Die Songs von Pink Floyd sind eine Welt für sich. Die haben etwas geschaffen, was über das meiste hinausgeht, was die Rock- und Popmusik hervorgebracht hat. Ich habe schon zu vielen Kompositionen Stücke gemacht – von Ligeti über Unsuk Chin bis Nina Simone –, aber zu Pink Floyd habe ich noch nie etwas choreografiert. Als ich mich in diese musikalische Welt hineingehört und ebenfalls die Kommentare der Leute zum Stück „Dogs“ auf YouTube gelesen habe, da realisierte ich, wie vielen Leuten diese Musik etwas bedeutet hat – und immer noch bedeutet.

In einer Küche wird gekocht – und in einer teuflischen vielleicht ganz besonders intensiv. Erkennst du eine Verwandtschaft zwischen dem Kochen und dem Choreografieren?

Wenn ich die Einzelteile eines Stücks zusammenbaue, benutze ich den Tänzern gegenüber oft den Ausdruck, dass ich nun meine Suppe koche. Es geht darum, die verschiedenen Zutaten zu mischen. Danach muss man abschmecken. Die Schritte sind die Zutaten. Aber ohne die Tänzerinnen und Tänzer gibt es kein Tanzstück. An ihnen hängt alles.

Jetzt seid ihr quasi alle aus der Teufelsküche raus. Die Choreografie steht. Wie blickst du darauf zurück?

Dieses Stück ist mir sehr wichtig. Wir haben zusammen gewohnt, wir haben zusammen etwas erlebt, wir haben zusammen die Küche geteilt, wir sind zusammen rumgehangen. Wir haben in dieser Teufelsküche alle einen wichtigen Teil unseres Lebens zurückgelassen.

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