Backstage

Essay

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist…“

von Bettina Wagner-Bergelt

Bettina Wagner Bergelt: Ich habe nicht nachgesehen, von wem dieses Motto stammt, das von Anfang an über der Gründung der Heinz-Bosl-Stiftung stand, und das sowohl Konstanze Vernon als auch ihr Ehemann und Mitstreiter Fred Hoffmann immer wieder zitierten.

Sie zitierten es dann, wenn wieder einmal ein neuer Schritt auf dem Weg in ein optimales und tänzergerechtes Ausbildungszentrum gewagt werden, wenn veraltete Lehrstrukturen erneuert oder architektonische Erweiterungen durchgesetzt werden mußten. Schritte, die nie einfach waren, die immer eines oder mehrerer Wunder bedurften: sei es in Gestalt eines aufgeschlossenen, langfristig denkenden Kulturpolitikers, eines großzügigen tanzbegeisterten Geldgebers oder eines innovationsfreudigen Mitstreiters in Ministerien oder Hochschule.

Scheint dieser Satz auf den ersten Blick also eine contradictio in adjecto zu sein, so habe ich in den mehr als 10 Jahren, die ich intensiv mit Konstanze und Fred zusammengearbeitet habe, immer wieder erlebt, wie richtig beide mit diesem Motto lagen: Wunder brauchte es, um in Ballett und Tanz in München etwas weiterzubewegen, noch mehr Wunder, um es dauerhaft zu etablieren. (Ballett hat hier wie fast überall auf der Welt  – außer vielleicht in Russland – mit tiefsitzenden Vorurteilen zu kämpfen, die bis heute verhindern, dass es gesellschaftsfähig werden konnte. Es ist und bleibt eine Kunst, von manchen mit Leidenschaft betrieben und gefördert, von anderen – von keiner Sachkenntnis getrübt  – immer noch herablassend als fragwürdiges Entertainment belächelt.) Konstanze Vernon kämpfte seit der Gründung ihrer Stiftung bis zu ihrem Tod 2013 mit ganzer Kraft für dieses Genre und für die Modernität und ästhetische Erneuerung von Ballett und Tanz.

Sie sorgte dafür, dass im Ausbildungskonzept der Akademie an der Hochschule für Musik und Theater und in der Heinz-Bosl-Stiftung von Anfang an die Moderne, das zeitgenössische Bewegungsidiom mitgedacht und unterrichtet wurde. So klassisch und an der Waganova-Methode orientiert der Unterricht auch war, so sehr ihr Herz für Dornröschen und Schwanensee schlug – sie erinnern sich, dass München unter Vernons Ägide lange Zeit den Ruf genoss, die russischste Schule außerhalb Russlands zu sein – Konstanze Vernon sorgte dafür, dass auch schnelle Fussarbeit, die richtigen amerikanischen, nach oben geworfenen Balanchine-Arme, Mats Ek-Sprünge, Kylians, Van Manens oder Forsythes spezielles Idiom im Kopf und im Körper der StudentInnen angelegt waren. Denn das Tanzen beginnt im Kopf – auch das eine Erkenntnis, die sie ihren SchülerInnen nicht müde war, zu wiederholen. Wo ist dein Text? Was willst du mit dieser Bewegung sagen? Und wenn du nichts sagen willst, wie vielleicht in den Minimal – Choreographien von Lucinda Childs, die sich selbst genügen müssen – dann muss auch das erst im Kopf klar sein um dann im Körper sichtbar zu werden.

Wie oft erzählte Konstanze Vernon mir die Gründungsgeschichte dieser Stiftung: wie sie nach der Karriere als Ballerina eine neue Herausforderung gesucht hatte; wie sie auf die mangelhafte Tanzausbildung in München aufmerksam wurde, feststellte, wie stiefmütterlich der Tanz an der Hochschule für Musik und Theater damals dahin dümpelte, wie die Elevenausbildung an der Bayerischen Staatsoper zunehmend Behauptung geworden war. Auch die stilistische Ausrichtung des Unterrichts auf die Englische Schule war ihr ein Dorn im Auge, galt sie doch als absolute Verfechterin der russischen Waganova-Methode, allerdings mit einer Liebe zum Zeitgenössischen und der Überzeugung, dass auf Basis einer klassischen Ausbildung mit künstlerischem Weitblick den Diplomanden jede auch noch so schwierige zeitgenössische Handschrift zu interpretieren möglich sein würde,  (was sich später in dem bis 1998 von ihr, danach von Ivan Liska bis 2016 aufgebauten internationalen Repertoire aus Klassik und Moderne am Nationaltheater bewies). 

Aber zurück zur Gründung: Die Situation der Hochschule – das ergänzungsbedürftige Angebot der Ausbildung, die wenigen hauptamtlichen Pädagogen, zu wenige Räume, zu niedrig bemessene finanzielle Mittel –  hatte Konstanze Vernon eingehend studiert, gründliche Recherche betrieben, Budgets aufgestellt und sich dann konkrete Schritte überlegt, wie sie mit Unterstützung ihres Mannes Fred Hoffmann die Ballettausbildung in München und Bayern durch die aktive Förderung durch eine Stiftung auf Weltklasseniveau bringen könne. Ja, sie griff wie immer nach den Sternen: unter Weltklasse kam gar nichts infrage.

Das Ehepaar Vernon-Hoffmann investierte also 1978 seine gesamte, nicht besonders hohe Barschaft in die Gründung der Stiftung, holte sich zahlungskräftige, einflussreiche und tanzaffine Mitstreiter in den Stiftungsrat und erfand eine geniale Konstruktion, die die Münchner Ballettausbildung in ihrer einzigartigen Struktur – Hochschule und fördernde Stiftung – nach wenigen Aufbaujahren für Jahrzehnte auf der Landkarte des Balletts in Europa fixierte.

Krönung ihrer Aufbauarbeit waren zunehmende internationale Anerkennung, Einladungen in die Juries großer Wettbewerbe wie Varna, San Francisco oder Lausanne und 1982 der Bezug einer eigenen Immobilie mitten im schönen und begehrten Schwabing, mit Studios und Büros in einem ehemaligen Straßenbahndepot in der Wilhelmstraße,  mit phantastischen Arbeitsbedingungen für … StudentInnen jährlich von der Grundstufe bis zum Diplom.

Die Stiftung organisierte zudem bereits ab 19.. viermal im Jahr ihre Matineen im Nationaltheater. Diesen Deal hatte sie mit dem tanz- und vernonbegeisterten August Everding schon 19.. ausgehandelt, der auch das Prinzregententheater später für einen Schwerpunkt Tanz im Programm umbauen ließ (was sich durch kulturpolitische Neuausrichtungen leider nicht realisiert hat). Auf den Matineen zeigte Konstanze Vernon als leitende Professorin der Hochschule und Chefin der Stiftung den State of the Art der Münchner Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater, unterstützt und gefördert durch die Heinz-Bosl-Stiftung. Die großartigen internationalen Talente präsentierten sich in der ganzen Bandbreite ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Talente, die sie teils selbst in der Akademie ausgebildet oder von internationalen Wettbewerben mit nach München gebracht und hier diplomiert hatte. Wettbewerbe, auf die sie bald regelmäßig viele ihrer eigenen Zöglinge vorbereitete und trainierte und die gold- und silbergekrönt nach München zurückkehrten. Caroline Campo, Kiki Lammersen, Kusha Alexi, Anna Villadolid, Beate Vollack, Christina McDermott, Oliver Wehe…um nur einige zu nennen.

Nach 20 Jahren, in denen sie neben der Erneuerung der Akademie und der Konsolidierung der Stiftung auch noch das Bayerische Staatsballett auf die Schiene gesetzt, international von New York bis nach Asien positioniert und in Klassik und Moderne international profiliert hatte, ging sie 1998 zurück in die Ausbildung, in ihre geliebte Heinz-Bosl-Stiftung. Sie festigte ihr Lebenswerk mit dem durch eine großzügige Schenkung ermöglichten Konstanze-Vernon-Choreographie-Zentrum mit Ballettsälen und einem großen, zeitgemäßen Studentenwohnheim in der Herzogstraße.

2009 kam sie in unser damaliges Direktionsbüro des Staatsballetts am Platzl 7 um Ivan Liska und mir mit der ihr eigenen Dynamik zu verkünden, sie wolle und müsse die Stiftungstätigkeit jetzt sofort und radikal neu fokussieren und näher ans Staatsballett binden. Die Idee einer Junior Company, die sie seit Jahren umgetrieben hatte, kam wieder auf die Tagesordnung. Ivan Liska und ich fanden dieses Ziel großartig und ich suchte sofort nach einem praktischen Weg, dieses Projekt umzusetzen, der sowohl unseren Interessen als Staatsballett entgegen kam, als auch das Ziel der Stiftung, die Förderung besonders begabter deutscher und internationaler StudentInnen, auf zeitgemäße Weise erfüllte.

Heute ist diese „Exzellenzförderung“ bereits diplomierter internationaler junger Tänzerinnen und Tänzer im Bayerischen Junior Ballett, wie das Ensemble aktuell heißt, die zentrale Förderaufgabe der Heinz-Bosl-Stiftung.

Das Ensemble hat inzwischen viele europäische Länder bereist, war zu Gast beim renommierten Hongkong Arts Festival und verfügt über ein Repertoire aus mehr als 20 Balletten, Übernahmen und Kreationen. In den vergangenen 8 Jahren waren insgesamt … junge TänzerInnen Mitglieder des Ensembles, die zumeist nach maximal 2 Jahren in große Kompanien engagiert werden. Sie alle profitieren von den internationalen Gästen, die als Trainer, Pianisten und Choreographen für das junge Ensemble arbeiten, von Gastspielen und Educationprogrammen, Tourneen und Kooperationen wie z.B. aktuell dem „Tanzland“-Projekt der Bundeskulturstiftung. 

Ivan Liska vertraute Konstanze Vernon ihr Lebenswerk gleich zweimal an: zuerst das Staatsballett, das er ganz in ihrem Sinne 18 Jahre lang zu einem programmatisch einmaligen Ensemble in Europa machte, und die Heinz-Bosl-Stiftung mit dem Bayerischen Junior Ballett.

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